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Søren Gundermann: „Europe Variations“

Gundermann improvisiert Beethoven

Thomas Klatt hat in der Märkischen Oderzeitung, MOZ Frankfurt (Oder), die neue CD von Søren Gundermann: „Europe Variations“, rezensiert:

Beethovens Neunte? Klar, kennt jeder. Besonders der Schlusschor „An die Freude“ nach einem Text von Friedrich Schiller hat sich in das kollektive Hörgedächtnis eingeprägt. Zumal dieser Teil der Sinfonie seit dem Jahre 1972 offizielle Europa-Hymne ist. Der Pianist und Komponist Søren Gundermann hat nun im Beethoven-Jahr eine CD unter dem Titel „Europe Variations“ veröffentlicht.

Beim PianOdra Festival im Februar, im Rahmen eines Solokonzertes, war das Werk erstmals zu hören. Danach verhinderten die Corona-bedingten Beschränkungen weitere Konzerte. Die CD bietet nahezu gleichwertigen Ersatz. Gundermann wagt darin etwas Ungewöhnliches: Er stellt in jedem der 13 Stücke Beethovens Melodie in einer neuen Variation vor. Die Wiederholung des Themas wird jedoch nie langweilig. Mal laut, mal leise, mal hoffnungsvoll, mal pessimistisch, mit kühnen Tempowechseln und in wechselnden Stimmungen und Tonarten sind Kleinode der Klaviermusik entstanden.

In „The Bee“ (Die Biene) verschiebt Gundermann die Betonungen und experimentiert mit rockigen Rhythmen. Im „West-östlichen Divan“ überträgt er Beethovens Motiv in eine arabische Tonleiter, gespielt im 5/4-Takt. In kurzen, „Interludes“ genannten Zwischenstücken, entstehen mittels Schrauben, Holzstücken und Radiergummis zwischen den Saiten ungewöhnliche Klänge. Da hält es der Pianist mit Alfred Brendel: Das Klavier kann alles.

Doch keine Angst, dem Förster-Flügel im Pianohaus Seibt in Carzig, wo die Aufnahmen entstanden, geht es gut. Schließlich hat Gundermann seine Masterarbeit über das „präparierte Klavier“ geschrieben, was ihn als gefühlvollen Improvisator ausweist. Dass so ein Projekt mit erstaunlicher Leichtigkeit gelingt, liegt an den vielfältigen Genres und Stilrichtungen, in denen der Musiker zuhause ist.

Dem französischen Komponisten Eric Satie fühlt er sich ebenso verbunden wie dem modernen Jazz. Er arbeitet mit dem Perkussionisten Hermann Naehring zusammen, befasste sich mit Folklore, bildender Kunst sowie Literatur und bildet mit dem polnischen Saxofonisten Jacek Fałdyna und dem Frankfurter Bassisten Thomas Strauch das Jazz-Trio Jacofon. Studiert hat der 34-Jährige gebürtige Beeskower in Potsdam und Warschau. Seine Kompositionen lassen ein vielfältiges musikalisch-historisches Hintergrund-Wissen erkennen. Virtuos wird es auf diesen Aufnahmen ausgespielt.

Bei genauerem Hören wird bald deutlich, dass Gundermann dabei nicht so sehr die Schiller’sche romantische Idee verfolgt, sondern mehr das moderne Europa und seine Verwerfungen im Blick hat. Das Stück „Der Stier und das Mädchen“ versieht er mit einer dramatischen spanischen Melodie, die von Beethovens Thema bis zum bekannten „Fiesta“-Motiv reicht und optimistisch zu enden scheint. Der „Belgian Rag“ könnte irgendwo in einem Brüsseler Caféhaus erklingen und geht doch über Europa hinaus. Nach mehreren Takt- und Stilwechseln tritt das chilenische Volkslied „El pueblo unido“ hervor. Noch vor wenigen Wochen sangen es Hunderttausende in Santiago de Chile bei Protesten gegen die dortige Regierung.

Das antike Motiv von Zeus, der als Stier verwandelt, die Königstochter Europa raubt, verwendete auch der Eisenhüttenstädter Maler Matthias Steier in einem seiner Bilder. Bei ihm trägt es den Titel „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“. Gundermann wählte es als Cover für seine CD. Sicherlich auch, weil das Zitat einerseits historisch genau zuzuordnen ist, andererseits ebenso aktuelle Parallelität birgt.

Søren Gundermann: „Europe Variations“, Meletoi Records, erhältlich unter Mail: gundermannpiano@gmail.com

ingrid-h.
Motivation: Für mich sind Fotos Erinnerungsschnipsel, die ich gern auch mit anderen Konzertbesuchern teilen möchte. Das eine oder andere Bild bleibt vielleicht auf diese Weise länger im Gedächtnis.
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